Gedanken zum niedersächsischen Wald
Spätestens seit 2018 wissen alle Forstleute, dass wir im Klimawandel angekommen sind. Die Jahre 2018 bis 2022 haben uns Forstleuten die Grenzen der Belastbarkeit aufgezeigt.
Zwischen 70.000 und 100.000 Hektar sind in diesen Jahren abgestorben und weitestgehend geräumt, zum Teil auch bereits neu bestockt worden.
Schon die Wiederbewaldung der entstandenen Kahlflächen stellt eine große Herausforderung dar. Doch damit ist es noch lange nicht getan: Eine weitere schwierige Aufgabe wird es sein, die Kulturen und Naturverjüngungen vor Wild zu schützen. Sind die Pflanzen aus dem Äser, folgen dann schon bald die nächsten Pflegeeingriffe. Und das alles in oft wesentlich kleinräumiger parzellierten, mit deutlich mehr Baumarten in bunter Mischung bestockten Beständen (Risikostreuung!), als es noch vor Verlust der Fichte der Fall war.
Die logische Konsequenz aus den Jahren 2018 bis 2022 sollte es für jeden Waldeigentümer sein, eine Risikoanalyse vorzunehmen: Wieviel Hektar oder Vorratsfestmeter habe ich noch, die der Gefährdung unterliegen, dem sich verändernden Klima zum Opfer zu fallen?
Für Niedersachsen hat der BDF die Zahlen geschätzt: Niedersachsen hat eine Waldfläche von rund 1,2 Mio. Hektar. Setzt man (rein theoretisch!) das Modell des Altersklassenwaldes an bei einer durchschnittlich hundertjährigen Umtriebszeit, ergibt sich eine jährliche Umbaufläche von 1 % oder 12.000 Hektar, die auch in den Katastrophenjahren nie erreicht wurde. Natürlich ist es aber so einfach in der Realität nicht. Eine genauere Annäherung liefert da schon die Herleitung anhand gefährdeter Reinbestände.
Der Anteil stark gefährdeter Waldflächen in Niedersachsen resultiert überwiegend aus Kiefern- und Fichtenaufforstungen in Form von Reinbeständen nach den Reparationshieben ab 1945 und dem Sturm Quimburga 1972. In diesen Altersklassen im Bereich von 41 bis 80 Jahren konzentrieren sich auch heute noch die wesentlichen Anteile der verbliebenen Fichten- und Kiefernbestände auf ca. 290.000 Hektar. Um diese „Welle“ proaktiv ab- und umzubauen, hält das Ministerium höchstselbst eine Steigerung des Waldumbaus von derzeit etwas über 4.000 auf 7.500 bis 10.000 Hektar pro Jahr als Zielwert für nötig. Damit sind wir von unserem rein theoretischen Wert von oben tatsächlich gar nicht mehr weit entfernt!
Dass Niedersachsen noch so viele bislang nicht von den Kalamitäten betroffene Flächen hat, ist erst einmal gut, auch wenn diese einem Gefährdungspotenzial unterliegen. Denn das Holz jetzt und in Zukunft zu verkaufen, ist preislich sicherlich deutlich attraktiver als beispielsweise im Jahr 2020. Insofern haben sich alle Bemühungen, „zu retten, was zu retten ist“, ausgezahlt. Nichtsdestotrotz sollte das nicht als Argument herhalten, in den noch intakten umbauwürdigen Beständen die notwendige Klimaanpassung „auf die lange Bank zu schieben“. Vielmehr sollte es das Ziel sein, diese Jahrhundertaufgabe in Zeiten guter Absatzmöglichkeiten und stabiler Preise forciert anzugehen, damit eine so zugespitzte Schadsituation wie in den Jahren nach Friederike nicht wieder in dieser Intensität eintreten kann. Möglichkeiten, dies zu erreichen, gibt es, z. B. die Herabsetzung der Zielstärke in labilen Reinbeständen, die Auflichtung und den Voranbau standortangepasster, klimaresilienter(er) Baumarten, die zeitlich gestaffelte kleinräumige investive Anreicherung des Baumartenportfolios zur Erreichung der vielzitierten horizontalen und vertikalen Mischung.
Ziehen wir nun die Erfahrungen aus den bisher vorgenommenen Wiederbewaldungen (siehe oben) heran, so zeigt sich, dass das Ganze doch sehr viel arbeitsintensiver ist, als in den vergleichsweise ruhigen Jahren des Wirtschaftens „nach Plan“ in den Jahren vor der großen Käferwelle und dass bei einer eigentlich notwendigen „Verzweieinhalbfachung“ der jährlichen Umbaufläche ohnehin in den Sternen steht, woher das Personal kommen soll, das dies bewältigt. Und damit sind wir wieder beim Thema Personal angekommen. Es nützt nichts, nun an dieser Stelle zu sparen, denn: Ob wir die weitere Entwicklung des Waldes aktiv und vorausschauend (mit)gestalten oder nur passiv auf die nächste Krise reagieren - die Arbeit wird auf uns zukommen, so oder so. Wir müssen uns aber entscheiden, ob wir in der bestmöglichen Ausgangsposition sein oder aber (wieder einmal) der Entwicklung „hinterherlaufen“ möchten. Sicher ist: Mit weniger Personal ist das nicht zu schaffen. Im Gegenteil, mehr Arbeit braucht mehr Personal!
Euer Landesverband Niedersachsen